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Radtouren

Die Radtouren finden sonntags um 10 Uhr vom Frühling bis Herbst statt. Treffpunkt ist am U-Bahnhof Kiekut. Die nächste Tour ist erst wieder im April 2023.

Elke Meyer, Telefon 04102-65980 oder 0170-2864400

 

1.200 km mit dem Rad durch Litauen · letzter Teil

Der weite Weg nach Westen

Am Morgen in Tytuvenai ein Blick aus dem Fenster. Ein heller Nebel liegt wie ein zarter Schleier über dem Kloster. (Bild 1)

Litauen4-Bild 1 Kloster im MorgennebelWir ahnen dahinter einen blauen Himmel. Tatsächlich liegen die Gebäude wenig später im strahlenden Sonnenlicht. Am blauen Himmel kein einziges Wölkchen. Vor der Abfahrt besichtigen wir die Klosteranlage, ein Ensemble verschiedener Stilelemente von Gotik über Renaissance bis Barock. (Bild 2) Kirche, Kreuzgang und eine Kapelle im Innenhof weisen sich als Wallfahrtsort aus. (Bild 3) In der Kapelle führt eine Treppe aus abgerundeten Steinstufen zum Altar. Es ist offenkundig, dass der gläubige Besucher hier seine Knie und nicht seine Füße benutzen soll. Wir nehmen uns bei allem Respekt die Freiheiten neugieriger Touristen heraus und bleiben auf den Füßen. (Bild 4)

Litauen4-Bild 2 Klosterinnenhof mit WallfahrtskapelleLitauen4-Bild 3 Klosterkirche im Festschmuck für PfingstenLitauen4-Bild 4 Stufen zum Altar in der KapelleWieder außerhalb der Klostermauern bedenken wir unser Tagewerk und verproviantieren uns bei ›Maxima‹. Unser erster Abschnitt führt uns nach Kelme. Wir durchqueren das tief eingeschnittene Tal der Dubysa. Kurz hinter der Talsohle eine kurze Verschnaufpause an einer kleinen Kapelle. (Bild 5) Hinter dem kleinen Gebäude finden wir viele kleine ›Wunschkreuze‹, die allesamt mit einer Bitte an Gott dort in die Wiese gesteckt wurden. Am hinteren Ende dieses kleinen Parks entdecken wir einen Ziehbrunnen. Wir probieren das frische, kalte Wasser – es schmeckt wunderbar. (Bild 6)

Litauen4-Bild 5 KapelleLitauen4-Bild 6 Ein Ziehbrunnen im Hof der KapelleEs wird sehr warm auf diesem letzten Teil der Reise. Bis Kelme erleben wir nur wenig Verkehr. Die Stadt ist ein nüchterner Ort, der in beiden Weltkriegen stark zerstört wurde. Die große Reformationskirche aus dem 17. Jahrhundert prägt heute die Silhouette der Stadt. Im Schatten der Bäume des städtischen Boulevards machen wir Mittagspause. Wir werden heute einige Abschnitte der Etappe auf staubigen Sandstraßen fahren. Bis Kraziai bleibt uns noch der Asphalt. Wir versorgen uns unterwegs im ›Pardutove‹-Lädchen, das heißt einfach nur ›Laden‹. (Bild 7) Es gibt dort alles, was die ländliche Bevölkerung braucht. Wir brauchen Wasser, Kuchen und ein Eis. Kraziai ist eine kleine Bezirkshauptstadt (Bild 8) mit einer bemerkenswert großen Kirche. Die Geschichte des kleinen Ortes erzählt von dramatischen Ereignissen. Während der Zarenherrschaft beschloss die Regierung im Zuge ihrer Russifizierungskampagne, die katholische Klosterkirche abzureißen. Die Bevölkerung wehrte sich dagegen und besetzte ihr Gotteshaus. Der Gouverneur von Kaunas brachte Polizei und Kosaken auf den Marsch und schlug den Widerstand brutal nieder. Die Kirche blieb weitgehend erhalten, ihr Inneres wurde aber zerstört. Heute ist das Gotteshaus vollständig wiederhergestellt. Ende des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Bevölkerung jüdisch. Die Juden nannten ihre Stadt Krosh. 1941 löschten hier wie in vielen anderen Orten Litauens Einsatzgruppen der SS und litauische Nationalisten die jüdische Gemeinschaft aus.

Litauen4-Bild 7 Tante Emma Laden in LitauenLitauen4-Bild 8 Ortseingangsschild von KraziaiDie ›Kirche der unbefleckten Empfängnis der Maria‹ steht offen. (Bild 9) Als wir uns im Innern umschauen, taumelt eine Rauchschwalbe von der Kirchendecke herab und landet zwischen den Kirchenbänken. Wir hüllen das völlig erschöpfte Tier in ein Halstuch und bringen es nach draußen. Schnabel und Füße sind verfilzt und verklebt. Es sieht so aus, als habe sich der kleine Vogel in alten Spinnennetzen verheddert. Mit Nagelschere und Pinzette befreien wir den Patienten behutsam von seinen Fesseln. Nach der Operation setzen wir ihn in einen zur Trinkschale umfunktionierten Brotdosendeckel. (Bild 10) Siehe da, der Befreite beginnt zu trinken. Auch nach längerer Erholung ist er aber nicht in der Lage zu fliegen. Eine gesunde Rauchschwalbe sollte auch von der Erde aus starten können. Da sich im Kirchgarten eine Elster herumtreibt, wollen wir sie lieber nicht auf den Boden setzen. Wir bieten ihr eine Höhle in einem verwitterten Bildstein an. Dort verkriecht sie sich, nachdem wir ihr noch einmal zu trinken gegeben haben.

Litauen4-Bild 9 Die Kirche von KraziaiLitauen4-Bild 10 Kraziai - ein Mauersegler bekommt WasserWir radeln wieder viele Kilometer über Sandstraßen. (Bild 11) In den kleinen Dörfern ist die Ortsdurchfahrt geteert. Für uns etwas Entspannung. In den Dörfern sind fast alle Strommasten mit Storchennestern belegt. (Bild 12) Die weiten Wiesen der Umgebung liefern reiches Futter für die Adebars. (Bild 13)

Litauen4-Bild 11 Sandstraße bis zum HorizontLitauen4-Bild 12 Auf jedem Strommast ein StorchLitauen4-Bild 13 Kilometer 1000Wir kommen an einen wichtigen Punkt. Es ist kein geografischer, sondern ein Streckenpunkt: Der Tacho zeigt den Kilometerstand 1.000. (Bild 14) Wir gratulieren uns, leider haben wir nicht an den Sekt gedacht. Am Ort unserer kleinen Feier haben wir immerhin Zaungäste: Die Kühe auf der Koppel nebenan schauen uns zu. (Bild 15)

Litauen4-Bild 14 Kilometer 1000Litauen4-Bild 15 ZaungästeUns fällt immer wieder auf – und auch hier wieder –, dass die Landwirtschaft abseits der immer noch dominierenden, riesigen ehemaligen Kolchosen kleinteilig ist. Die Kühe werden noch auf dem Feld gemolken (Bild 16), die Maschinen wie z.B. die Trecker stammen noch aus Sowjetzeiten. Die archaisch anmutenden Gefährte sind aber mit ihrem Vierradantrieb robust und unverwüstlich, bestätigt mir nach der Reise ein Freund, der es wissen muss. (Bilder 17,18)

Litauen4-Bild 16 Kühe werden auf dem Feld gemolkenLitauen4-Bild 17 Litauens LandwirtschaftLitauen4-Bild 18 Robuste Maschinen aus SowjetzeitenUnser Ziel ist eine Ferienhaus- und Campinghütten-Anlage am Lükstas-See bei der Kleinstadt Varniai. (Bild 19) Bis dahin geht es viele Kilometer wieder über Sandstraßen. Im Hüttendorf am See kann man sich zwar einmieten, aber das Restaurant am Platz ist noch nicht in Betrieb (Vorsaison!). Die Managerin des Platzes hat ein Herz für uns hungrige Radler und wärmt eine Pizza zum Abendessen auf. (Bild 20) Und am nächsten Morgen bringt sie uns gefüllte Pfannkuchen zum Frühstück. (Bild 21)

Litauen4-Bild 19 Quartier am Lükstas-SeeLitauen4-Bild 20 Lükstas-See AbendessenLitauen4-Bild 21 Lükstas-See Chefin bringt uns das FrühstückWieder ein Tag, der mit Sonnenschein beginnt, uns dann aber später mit dunklen Regenwolken ärgern will. Die Landschaft verändert sich wieder. Vor uns liegt eine weite Ebene. Die schnurgerade Straße senkt sich in die flache Landschaft und verliert sich am Horizont. Es geht in Richtung Rietavas. Es ist auf der Straße wenig los. (Bild 22) In Tverai ist die Kirche offen. Der Pfingstschmuck hängt noch. Als wir wieder ins Freie treten, fängt es an zu tröpfeln. Ein Gewitter zieht auf. Wir fahren erst einmal weiter. In Rietavas sind wir dem Regen tatsächlich entgangen. Der kleine Ort gibt sich modern, es gibt eine Pizzeria. Wir verputzen eine ›Pizza für zwei‹. Ein junger Mann arbeitet als Servicekraft. Er spricht ein perfektes Englisch und bezeichnet sich als ›vorübergehender Heimkehrer‹. Er habe hier seine Wurzeln, wisse aber noch nicht, ob er in Litauen bleiben wolle. Der Chef der Pizzeria ist Sizilianer. Ja, Vorsicht, wir wissen schon: Sag bloß nicht Italiener. Frisch gestärkt erreichen wir nach 20 Kilometern Plunge. Bis zu unserem Quartier sind es aber noch weitere 8 Kilometer. Plunge ist ein Wassersportzentrum. Unsere Unterkunft ist gleichzeitig ein großer Kanu- und Kajakverleih und eine Station für Wasserwanderer. Außen wie innen ein großes, uriges Blockhaus. Leider gibt es kein Abendessen. Das hätten wir in Plunge verspeisen müssen. Wir könnten ja ›die paar Kilometer‹ zurückfahren. Aber dazu sind wir zu müde. Außerdem öffnet der Himmel gerade sämtliche Schleusen, und wir sind froh, im Trockenen zu sitzen. Abendessen: Bananen, Äpfel und Müsliriegel.

Litauen4-Bild 22 Einsame StraßeDer vorletzte Tag der Fahrt beginnt mit einem typisch litauischen Frühstück: Graupen, Ei, Wurst und Gemüse. (Bild 23) Als süßen Abschluss gibt es einen Pfannkuchen. Die Chefin unserer Bleibe stellt uns eine Kanne mit Blütentee auf den Tisch. (Bild 24) Den sollten wir mal probieren, der sei sehr gesund. Es holpert ein bisschen mit der Verständigung, aber wir glauben, dass es Weißdornblüten sind. Wir verstehen, dass sie deutsche Wurzeln hat und ihre Familie aus Königsberg stammt. Nachdem wir noch ihre Marmelade und den ›Honig aus der Region‹ probieren durften, verabschiedet sie uns sehr herzlich. (Bild 25)

Litauen4-Bild 23 Litauisches FrühstückLitauen4-Bild 24 WeißdornblütenteeLitauen4-Bild 25 Die Chefin verabschiedet unsHeute müssen wir uns die Straße mit relativ viel Verkehr teilen. Aber wir werden mit unseren gelben Westen früh erkannt und rücksichtsvoll überholt. In den Straßengräben links und rechts stehen Störche. Der motorisierte Verkehr stört sie offenbar nicht. Möglicherweise spekulieren sie auf totgefahrenes kleines Viehzeug. Radler sind ihnen aber suspekt. Vor uns flattern sie auf und segeln knapp über die Autos hinweg auf die andere Straßenseite. Wir befürchten schon, sie könnte vor irgendeiner Frontscheibe enden.

Ein braunes Schild am Straßenrand weist auf eine Holocaust-Gedenkstätte hin. Eine Sandstraße führt uns 800 Meter in den Wald bis zu einem Wendekopf. Dort stehen wir vor einem Mahnmal. Auf dem Boden davon haben Besucher aus Kieselsteinen eine Menora gelegt, den siebenarmigen Leuchter der Juden. Den litauischen Text auf dem großen Block können wir nicht verstehen. (Bild 26) Spätere Recherchen liefern aber die Übersetzung. ›Seid verflucht, ihr Mörder am frühen Morgen ... S. Neris‹, darunter: ›Hier, an einem stillen Platz im Žemaitija Wald, hörte man im Oktober 1941 Schüsse und das Weinen von Frauen und Kindern. An diesem Platz erschossen deutsche Faschisten ungefähr 300 jüdische Menschen aus Gargždai. Die Opfer werden immer in unserem Gedächtnis bleiben als Aufgabe im Kampf gegen den Faschismus‹ (auf Litauisch).

Litauen4-Bild 26 Holocaust-MahnmalWenig später wieder ein Hinweis auf ein Massengrab im Wald. Wir finden eine eingezäunte lange Grabstätte mit einem Gedenkstein. (Bilder 27, 28) Auf der Marmorplatte steht übersetzt: ›Vorübergehender, erinnere Dich an die Opfer von 1941, die unschuldigen Kinder, Mütter und Großeltern, die von Hitlers Schergen ermordet wurden, nur weil sie Juden waren‹ (in Litauisch und Hebräisch).

Litauen4-Bild 27 MassengrabLitauen4-Bild 28 InschriftWer im Baltikum reist, dem werden Gedenkstätten mit der Jahreszahl 1941 immer wieder begegnen. Auch wenn zunehmend Zeitgenossen davon nichts mehr wissen wollen, stehen diese Mahnmale doch immer für das, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage waren – und es wohl immer noch sind. Darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

Litauen4-Bild 29  Die russische Ladenbesitzerin ValentinaWir nähern uns der Stadt Gargzdai, noch etwa 15 Kilometer von Klaipeda entfernt. Es ist um die Mittagszeit sehr warm geworden. Wir halten vor einem kleinen Laden. Der Gitterschutz der Eingangstür ist zur Seite geklappt, die Tür ist offen. Die kleine rundliche Inhaberin bemerkt unser Radler-Outfit, und es beginnt das übliche Ein-Wort-Gespräch. (Bild 29) Sie erfährt so, dass wir nach Klaipeda und auf die Fähre nach Kiel wollen. Wir kaufen Wasser und ein paar Kekse. Sie nimmt eine Plastiktüte und füllt sie mit Schokolade und anderen Süßigkeiten. Für die lange Reise nach Kiel, bedeutet sie uns. Diese herzliche Geste berührt uns. Aus ihrem ›Da, da‹ schließen wir, dass sie Russin ist. Sie verrät uns ihren Namen – Valentina. Sie ist unsere letzte persönliche Begegnung auf dieser herrlichen Reise.

In Gargzdai kommen wir in eine andere Welt – in unsere. (Bild 30) Wir rollen durch eine moderne Stadt mit Wohn- und Geschäftsklötzen, so austauschbar und gesichtslos wie überall in der modernen Welt. Auch hier eine Gedenkstätte, die an ein Massaker an Juden im Jahr 1941 erinnert. ›Im Juli 1941 töteten an diesem Platz Hitlers Mörder hunderte Juden von Gargždai und seiner Umgebung.‹ Es gelingt uns nicht, diese letzten ›Entdeckungen‹ an uns abperlen zu lassen. (Bild 31)

Litauen4-Bild 30 Die Stadt GargdzaiLitauen4-Bild 31 Erinnerung an ein MassakerDer Verkehr nach Klaipeda drängt in Richtung Autobahn, kein Weg für uns. Mithilfe von Google-Maps gelangen wir schließlich über Feldwege und durch Schrebergärten nach Klaipeda und mischen uns unter die Touristen. Es ist Nachmittag, bis zum Boarding um 20:00 Uhr können wir die Zeit in der Sonne am Ufer der Dane verbummeln. Unsere Fähre verlässt den Hafen eine Stunde eher als geplant – alle gebuchten Passagiere waren reichlich früh an Bord. Am Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir Kiel – zurück in der Heimat. (Bild 32)

Litauen4-Bild 32 Ankunft in KielAuf dieser Radreise haben wir jede Woche unsere gefahrenen Kilometer in die Heimat gemeldet, denn wir haben uns am Stadtradeln 2022 beteiligt. Diese Kilometer sind dann in das Stadtradel-Kontingent der ›Heißen Reifen‹ eingegangen.

Litauen4-Bild 33 Die Streckenskizze unserer ReiseAnmerkung: Die Texte auf den Mahnmalen und genauere Informationen zu den Ereignissen in Gargzdai lassen sich nachlesen unter https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/gargzdai.html

Peter Tischer

 

 

 

 

 

 

 

 

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