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Radtouren

Unsere Radtouren starten sonntags um 10 Uhr am U-Bahn Kiekut.

Die nächste Radtour findet im April 2018 statt.

Elke Meyer, Telefon 04102-65980, Mobil 0170-28 644 00

 

Die Nachmittags-Touren finden von April bis Oktober statt. Wer Spaß in der Gruppe hat und nebenbei unsere schöne Umgebung kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen mitzufahren! Jeden vierten Mittwoch im Monat treffen wir uns um 14:00 Uhr am U-Bahnhof Kiekut. Die Länge der Touren ist ca. 25-30 km, unterwegs kehren wir auch mal ein. Die nächste Tour ist also am 25. April 2018.

Rudolf Lück, Telefon 63579

 

Eine herbstliche Radeltour durch Mecklenburg

Neue Erfahrungen

Der Glaube soll Berge versetzen können, aber Wege kann er nicht versetzen. Damit das Bild nicht arg schief wird, muss ich dazu sagen, dass es hier um den Glauben an sich selbst ging. Mit meinen acht Mitradlern war ich am 28. September von Großhansdorf aus zu einer Tour durch unser östliches Nachbarbundesland gestartet. Als erfahrener und ortskundiger Radwanderführer hielt ich es für ausreichend, den Weg zum Elbe-Lübeck-Kanal geradezu blind fahren zu können. Eine Stormarn-Karte hatte ich nicht, brauchte ich nicht. Alles ging gut, bis zu dem Zeitpunkt, als ich es besser wusste, als der deutlich nach links zeigende Radwegweiser. Also bog ich nach rechts ab – ›Die Strecke ist kürzer.‹ – da war ich mir sicher. Sie war es mitnichten. Auf den schmalen, vielfach sich verzweigenden Wegen des ›Grünen Plans‹ hatte ich schließlich keinen Plan mehr. Irgendwie ›lost in Kuddewörde‹, will heißen, wir fuhren überflüssige 10 Kilometer von Kuddewörde nach Kuddewörde. Die erste Tagesetappe fanden die Mitfahrer mit ca. 70 Kilometern ohnehin recht sportlich. Die Frage »Was ist denn mit Tischer los?« stand unausgesprochen im ländlichen Raum. Also gestand ich, dass ich zuletzt eigensinnig nur noch ›nach Gefühl‹ gefahren war. Die Rückbesinnung auf verlässliche Wegführungen brachte uns dann doch noch zum Kanal.

Wer heutzutage mit einer Radwandergruppe unterwegs ist, reist mit hochgerüsteten GPS- und GoogleEarth-Experten. Abgesichert durch Messungen des Weges und der Wetterbedingungen in Echtzeit weiß jeder zu jeder Zeit, was ihm blüht. Wenn es um 11:30 Uhr regnen sollte, dann tat es das auch. Wenn die berechnete Strecke ins nächste Kaff laut ›Garmin‹ 6,35 km lang sein sollte, dann war sie es auch. Wenn allerdings ein landwirtschaftlicher Großbetrieb in MeckPom einfach einen öffentlichen Weg untergepflügt hatte (kein Witz!), dann wusste der ›Garmin‹ auch nicht mehr weiter – die gute alte Karte allerdings auch nicht. Auf unserer Tour hat sich letztlich der ständige Datenaustausch zwischen den ›digitalen‹ Mitradlern und dem eigensinnig auf seine Karten beharrenden Reiseleiter bewährt.

Auch ein grauer Tag hat seine schönen Seiten

Wie der Leser richtig vermutet: Nach Kuddewörde lief es am ersten Tag ganz prächtig. Über Basthorst, Möhnsen, Gut Lanken, Sahms und so weiter erreichten wir den Elbe-Lübeck-Kanal bei Witzeeze. Unser Weg führte direkt zur dortigen Schleuse.

Bild 1 Dücker-SchleuseDas Café am östlichen Ufer ›Schiffers Rast‹ zeigte Leerstand. Also gab’s auch keinen Kaffee. Nicht jeder Radler fährt gern in Sackgassen hinein. Hier war es aber notwendig, wenn man sich die ehemalige Stauschleuse von 1789 anschauen wollte. Die nach ihrem Schleusenmeister Dücker benannte Schleuse staute das Wasser der Richtung Elbe fließenden Delvenau auf. Die davor sich versammelnden Prahmen konnten dann an zwei ›Zapfeltagen‹ in der Woche auf der künstlich erzeugten Flutwelle gen Elbe schippern. 500 Jahre war die sogenannte Stecknitz-Fahrt zwischen den Städten Lüneburg und Lübeck im Betrieb, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts der heutige Elbe-Lübeck-Kanal ablöste.

Bei Dalldorf fuhren wir über eine neue Brücke nach Mecklenburg hinein. Die in der Mitte der Niederung fließende Delvenau markiert die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Nach langer ›Durststrecke‹ konnten wir uns in Boizenburg gleich zwischen zwei(!) Cafés entscheiden.

Bild 2 Café in BoizenburgMan kann sich gar nicht mehr vorstellen, was diese hübsche Elbestadt während der DDR-Zeit erleben musste. Die alte Transit-Strecke auf der B 5 ging mitten hindurch auf einer schmalen, mit Kopfstein gepflasterten Straße. Heute wirkt das restaurierte Städtchen romantisch-verschlafen.

Die Sonne verschleierte sich den ganzen Tag. Wir umrundeten den Boizenburger Hafen, überquerten das Sude-Sperrwerk mit der langen Fischtreppe und rollten auf der Elbdeichkrone Richtung Neu Bleckede. Bald ging es dort oben aber nicht weiter, denn der Landesschutzdeich wird auf ganzer Länge erhöht. So wurden wir über die niedrigen Binnendeiche umgeleitet.

Bild 3 Elbdeich mit eh WachturmZurück am Hauptdeich standen wir schnell wieder vor einem Umleitungsschild. Auf der Baustelle war inzwischen Feierabend. Ein noch verbliebener Bauarbeiter meinte: »Da kommt ihr durch. Kein Problem. Da arbeitet jetzt keiner mehr.« Das war eine gute Nachricht. In der Tat konnten wir auf der Straße am Deichfuß nun ohne Umwege unser Ziel in Stiepelse erreichen. Nach Irrwegen und Umleitungen steckten uns schließlich stattliche 86 Kilometer in den Waden.

Durch die griese Gegend – der erste Sonnentag

Entlang der Sandpisten der Sahara bleichen die Knochen der Menschen und Tiere, die fernab der Oasen verdursteten und verhungerten. Jeder weiß das. Wer mit Radgruppen des Heimatvereins unterwegs ist, muss wissen, dass die Radlerinnen und Radler sehr viel Wert darauf legen, dass sie nicht ein ähnliches Schicksal ereilt. Das gilt insbesondere für die endlosen, menschenleeren Weiten Mecklenburgs. Immerhin gestärkt durch ein reichliches Frühstück erreichten wir an diesem zweiten Tag Neuhaus (Elbe), das seit der Wiedervereinigung nun wieder zu Niedersachsen gehört. Entsprechend komfortabel waren die Möglichkeiten hier, sich mit Proviant zu versorgen, ehe die Reise ins Unbekannte richtig begann. Wir verließen das Amt Neuhaus, von mildem Sonnenlicht beschienen.

Bild 4 Rögnitz-NiederungEs ging ein Stück an der Rögnitz entlang, einem träge dahinfließenden Wiesenfluss, in Richtung Lübtheen. Mittlerweile war es so warm geworden, dass wir dort auf den Bänken vor der örtlichen Bäckerei Kaffee und Kuchen genießen konnten. Damit war schon ein wichtiger Punkt in dieser Tagesetappe abgehakt.

Auf unserer weiteren Fahrt nach Friedrichsmoor in der Lewitz, unserem Tagesziel, erreichten wir Redefin. Die Gunst der vormittäglichen Stunde erlaubte es, eine Dame bestückte gerade den Schaukasten des Pastorats vor der Kirche. Befragt, ob sie uns die Kirche öffnen könnte, eilte sie davon und holte den Schlüssel. Der neugotische Backsteinbau zeigt sich in frisch renoviertem Glanz. Die 1847 fertiggestellte Patronatskirche besitzt eine flache Decke.

Bild 5 Patronatskirche in RedefinDer Innenraum wird von der schlichten Holzausstattung und dem eindrucksvollen Schnitzaltar mit der zentralen Christusfigur bestimmt. Auffallend: Es ist nicht der gekreuzigte, sondern der auferstandene Christus. Entworfen wurde der Bau vom Landesbaumeistern Carl Heinrich Wünsch, der auch die Gebäude des benachbarten Landesgestüts errichten ließ.

Bild 6 Gestüt refefinDessen aufwändig renovierten Komplex besuchten wir anschließend unter strahlend blauem Himmel. Die Anlage beeindruckt durch ihre wahrlich fürstlichen Ausmaße. Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin richtete das Landgestüt im Jahre 1812 zum Zwecke der Verbesserung der Pferdezucht in Redefin ein. Mit der Wende übernahm 1993 das Land Mecklenburg-Vorpommern das Gestüt, und es wurde damit begonnen, die Bausubstanz der historischen Gestütsanlage zu sanieren. Hinter dem alten Reithallenportal wurde bis 1998 eine neue Reithalle errichtet. Die alljährlichen Hengstparaden gehören bis heute zu den bedeutendsten Großveranstaltungen Mecklenburg-Vorpommerns. (aus: Wikipedia)

Je weiter wir in Richtung Friedrichsmoor kamen, desto stärker wurde der Südostwind, der uns über die weiten Wiesenflächen hemmungslos in die Seiten fuhr. Da war eine längere Strecke durch den Wald schon ein Genuss. Neu ausgebaute Radwege und glatter Asphalt halfen uns schließlich, die letzten Kilometer bis zum Jagdschloss Friedrichsmoor zu ›ertragen‹.

1791 ließ Herzog Friedrich Franz I., erster Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, auf dem Platz des alten Jagdhauses in Friedrichsmoor sein neues Fachwerk-Jagdschloss errichten. Die eingeschossige Dreiflügelanlage diente bis 1918 diente ausschließlich Jagdzwecken der Landesherren. So war Anfang des Jahrhunderts die Hirschbrunft im September Höhepunkt der Jagd. Unter anderem nahmen Kaiser Wilhelm I., Wilhelm II. und Reichskanzler Otto von Bismarck daran teil. Seit 1991 wird das Jagdschloss nach umfangreicher denkmalgerechter Sanierung als Restaurant, Café und Hotel genutzt. (nach Wikipedia)

Bild 7 Jagdschloss FriedrichsmoorNach 78 Kilometern zogen wir an diesem Nachmittag dort ein. Bei immer noch angenehmen Temperaturen ließen wir uns nach dem anstrengenden Kampf gegen den Wind für ein Käffchen und ein Bierchen an den Tischen im Hof nieder. Dass wir unsere Räder nicht sofort(!) wegstellten, brachte uns einen Rüffel des Schlossherrn ein, der wohl vor seinem inneren Auge die Räder gegen die Wände seines Schlosses fallen sah. Da aus unserer Sicht es dabei eher ums Prinzip ging, ersparten wir uns eine Diskussion und stellten die Räder in den Schuppen. Von da an lief der Abend harmonisch ab. Wir fühlten uns dort wohl und gut bewirtet.

Die Fahrt durch die Lewitz – der zweite Sonnentag

Erleichtert blickten wir am Morgen durch die Fenster. Die Sonne blinkte durch die hohen windbewegten Bäume. Nach dem ›fürstlichen‹ Frühstück machten wir mit den Rädern einen kurzen Abstecher entlang einer der Achsen, die vom Schloss ausgehen in den angrenzenden Wald. Leider waren an den Wasserläufen weder besondere Vögel noch interessante Vierbeiner zu entdecken. Aber uns interessierten vor allem die großen Flächen der Friedrichsmoorer Karpfenteiche. Sie wurden bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts angelegt. Sie sind, zusammen mit einem Großteil der linksseitig der Müritz-Elde-Wasserstraße befindlichen Neuhöfer Karpfenteiche, weiteren Teichen zwischen Friedrichsmoor und Tramm, angrenzenden Flächen und dem Flusslauf der Elde in diesem Bereich Bestandteil des Naturschutzgebiets Fischteiche in der Lewitz.

Die Lewitz ist ein großes eiszeitliches Niedermoorgebiet, weitgehend durch Meliorisation entwässert, von endlosen Weideflächen, leider aber auch von ebenso endlosen Maisäckern bedeckt. Kraniche, Gänse und Enten kehren hier zu Tausenden ein. Die ›Prominenz‹, die Fisch- und Seeadler, finden hier zum Ärger der Teichpächter natürlich einen durch den Menschen reich gedeckten Tisch. Insofern tanzen hier die Widersprüche zwischen Naturschutz auf der einen und den ökonomischen Interessen auf der anderen Seite.

Bild 8 Elde und Friedrichsmoorer KarpfenteicheAls wir den Aussichtturm auf dem Naturschutzgebiet am Elde-Müritz-Kanal erreichten, erzählten uns die Vogelkundler, dass Teichwirte die mittlerweile zahlreichen Seeadler mit Schüssen vergrämen. »Die erschießen die Seeadler?«, fragte jemand entsetzt. Nein, war die Antwort. Da würden die Naturschützer schon aufpassen. Neben dem Elde-Müritz-Kanal, der heutzutage der Sportschifffahrt dient, windet sich die Elde als Fluss noch durch die Landschaft. Auf ihrem Uferweg konnten wir der Elde ein Stück folgen. An diesem Tag hatte eine Diskussion am Morgen zur Folge gehabt, dass wir unsere Route änderten. Der Grund: allgemeine Befürchtungen, ohne die Ergänzung lebensnotwendiger Nahrungsmittel, ohne eine Bäckerei oder ein Café bis zu unserem Tagesziel in Dobbertin in der Nossentiner-Schwinzer Heide durchhalten zu müssen. Die letzten Rationen waren bis auf ein paar Krümel vertilgt worden. Also nahmen wir Kurs auf Parchim. Hier würden uns Lidl, Penny und Co sicherlich ein entsprechendes Angebot machen.

Parchim, die Stadt an der Elde-Müritz-Wasserstraße mit dem Wockersee in ihrer Mitte – wie sehr enttäuschte uns die Perle der Lewitz. An ihren Außenbezirken keine Spur eines Supermarktes. So gelangten wir unversorgt ins Zentrum. Wir entschlossen uns, im historischen Reichspostamt, dem heutigen ›Brauhaus‹, zu essen. Danach war es mit dem Einkauf von Vorräten Essig, denn die Backstuben am Markt hatten geschlossen (Samstagmittag!). Aber wir fanden dann doch noch eine durchgehend geöffnete Bäckerei. Damit war die Gefahr einer Durst- und Hungerstrecke gebannt.

Bild 9 Parchim MarktplatzHinaus aus der Stadt ging es zunächst am Tal der Wocker entlang nach Norden durch den Wald. Dann stießen wir allerdings auf die befahrene L 16 und mussten ihr in stetem Auf und Ab elf Kilometer folgen. In Mestlin, am Ende dieser Strecke, versammelten sich viele Mecklenburger auf einem riesigen Trödelmarkt. Meine Truppe verweigerte die Gefolgschaft, nachdem ein Mestliner Bürger unseren Radlern geflüstert hatte, dass es auf dem Trödelmarkt auch Kaffee und Kuchen gebe. Ich bat zu bedenken, dass wir vielleicht nicht den Rest des Tages damit verquitschen sollten, uns durch einen Trödelmarkt zu schieben. Schließlich sei doch das Dorf Dobbertin mit seinem Kloster nicht mehr weit. Und im nächsten Ort gebe es laut Karte eine Heimatstube und eine ›Nahrungsaufnahmeeinrichtung‹. Im nächsten Ort fragten wir einen Einwohner, wo denn dieses Restaurant sei. Der antwortete trocken »in Dobbertin, nur noch 5 Kilometer«. Jetzt fühlte ich mich natürlich ein bisschen schuldig – aber nur ein bisschen. In Dobbertin landeten wir nach 63 Kilometern direkt vor unserem Quartier, dem altehrwürdigen Gasthaus ›Zwei Linden‹. Nachdem wir ›abgesattelt‹ und die Räder weggeschlossen hatten, antwortete die resolute Wirtin auf die Frage, ob wir hier auch zu Abend essen könnten »Na klar, wo denn sonst!«

Bevor es was zu essen gab, schauten wir uns das Kloster mit seinen historischen Gebäuden und seinen wunderschönen Außenanlagen an. Das einstige Mönchskloster, 1220 von den Benediktinern gegründet, beherbergte ab 1237 Nonnen. 1572 erfolgte die Umwandlung in ein adliges Damenstift. 1857 wurde die Fertigstellung des Kirchenumbaus nach Plänen von Schinkel gefeiert. Heute ist das Kloster eine Einrichtung der Diakonie, in der Menschen mit Behinderung betreut werden. Als touristischer Anziehungspunkt in der Region bietet das Gelände einen Klosterladen, ein Klostercafé und die Möglichkeit, das noch erhaltene mittelalterliche Refektorium zu besichtigen.

Bild 10 Kloster dobbertinZeitlich hatten wir das aber leider schon verpasst. So sprachen wir nach dem ausgedehnten Rundgang über die Klosterhalbinsel am Dobbertiner See einem guten Abendessen zu. Obwohl im Hause ein fünfzigster Geburtstag mit allerhand Remmidemmi gefeiert wurde, fanden wir alle ziemlich früh in die Koje. Und unsere Wetter-Appler wussten zu berichten: Morgen werde es von dann bis dann regnen.

Bei Regen, Wind und Sonne zum Schweriner See

Mit Ansage: Der Tag begann mit ›Regentropfen, die an dein Fenster klopfen…‹. Die meisten von uns waren gegen diese Wetterlage ausreichend gerüstet. Die Regenklamotten schützen von außen gegen den Regen, lassen aber den Körperdampf nicht durch, obwohl die Hersteller immer das Gegenteil behaupten – atmungsaktiv nennen sie das. Aber entscheiden muss man sich schon. So machten sich an diesem Morgen neun halb- bis vollvermummte Radler auf den Weg durch das ›bewegteste‹ Geländeprofil Mecklenburgs auf unserer Tour, uns allen von ›GoogleMaps‹ prophezeit.

An der Endstation der ›Mecklenburger Draisinenstrecke‹ in Borkow rasteten wir im nieselnden Regen unter den überdachten Bänken. Als wir über Witzin das Freilichtmuseum Groß Raden erreichten, hörte der Nieselregen auf. Mitten im Wald trafen wir plötzlich auf einen Wikinger(!), der uns den Weg zum Freigelände der rekonstruierten slawischen Burg- und Tempelanlage wies. Tatsächlich hatten die Wikinger die slawische Anlage ›erobert‹. Einer von ihnen, der sich als Jarl bezeichnete, erklärte uns, dass sich im Herbst hier Menschen treffen, um eine Zeitlang als Wikinger zu leben. Wir wurden sehr freundlich begrüßt, denn ›die Wikinger‹ meinten, mit unserer Ankunft habe der Regen aufgehört. Na, dann hatte uns also ihr Odin erhört.

Bild 11 Freilichtmuseum Groß RadenBild 12 Vor der Slawenburg Groß RadenBild 13 WikingerlagerDSC_0633Nach dieser Besichtigungspause, in der es weder Met noch Stockbrot gab, hofften wir auf ein Café im Museum. Dort gibt es aber nur einen Kaffeeautomaten. Eine kurze Strecke um den See führte uns im Ort Groß Raden aber vor die ersehnte ›Futterstelle‹. Die Sonne war er-schienen, und wir saßen im Garten des Restaurants.

Auf der nächsten Strecke bis Warin folgten Steigungen und Gefälle im steten Wechsel. Am Warnow-Durchbruch mussten wir die höchste Stelle des Streckenprofils mit zwölf Prozent Steigung erklimmen. Oben entschädigte ein weiter Blick über die eiszeitliche Hügellandschaft Mecklenburgs. Die Sonne und weiße Wolken machten den schönen Anblick perfekt. Der Wind war eingeschlafen, als wir am kleinen Weißen See, der wie ein Spiegel vor uns lag, Rast machten.

Bild 14 Weißer See

In Warin herrschte im örtlichen Café Belagerungszustand. Wir hatten keine Lust, uns dazuzugesellen. Langsam machten sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar, denn diese Etappe kostete uns allen Kräfte. Ins Schloss Hasenwinkel kehrten wir nicht ein. Dazu fehlten uns Kleingeld und die Zeit.

In Ventschow empfahl uns eine Passantin, nach Hohen Viecheln den Landweg zu nehmen. Die Bezeichnung ›Landweg‹ verbanden wir inzwischen zwar mit ›schlechter Wegstrecke‹, aber die Abkürzung ließ sich gut bewältigen. So etwas gehört in Mecklenburg eben in die Abteilung Abenteuer.

Auf der Straße nach Bad Kleinen fuhren wir direkt in die tiefstehende Sonne. Über Gallentin folgten wir dem schön angelegten Uferweg und standen wenig später vor Schloss Wiligrad, hoch über dem Schweriner See.

Bild 14 Schloss WiligradBild 15 Schloss WiligradDer pittoreske Bau aus dem Ende des 19. Jahrhunderts war bis Ende 1945 noch im Besitz der herzoglichen Familie. Es wurde nach der Enteignung des Fürstenhauses kurzzeitig Typhuslazarett der Roten Armee, dann Landesparteischule der SED und schließlich eine Einrichtung der Volkspolizei. Seit 1991 ist das Landesamt für Kultur und Denkmalspflege im Schloss ansässig.

Die Namensgebung erfolgte durch den Bauherrn. Der Herzog ließ sich dabei von einem Reisebericht des Fernhändlers jüdischer Herkunft Ibrahîm ibn Jakûb inspirieren. Aus dem Reisebericht geht hervor, dass um 965/967 der abodritische Samtherrscher Nakon in einer großen Burg residierte, im arabischen Wortlaut Wîli-Grâd. Es handelte sich sehr wahrscheinlich um die Mecklenburg, auch wenn der slawische Name der Burg nicht überliefert ist. (aus: Wikipedia)

Gemeinsam mit Schloss und Park ließen wir uns eine gute Weile von der Sonne bescheinen, denn unser Quartier in Lübsdorf lag grad mal um die Ecke. (Tagesstrecke 73 Kilometer)

Vom Schweriner zum Neuenkirchener See

Der nächste Tag begann wieder nach Ansage mit Nieselregen. Daran änderte auch ein schöner Sonnenaufgang mit Regenbogen nichts. Wir ließen uns das Frühstück davon nicht vermiesen. Also wie am Vortag: Die Regenritterrüstung anziehen, Kapuze über den Helm und los. Bei Penny in Lübsdorf Essen fassen, und dann rollte die Karawane ab nach Alt Meteln. Hinter dem Ort wurde der Regen stärker, und der Wind fegte über die leeren Felder und härtete die Regentropfen so, dass sie sich wie Hagel anfühlten. Von der Verkäuferin toleriert, tropften wir in Brüsewitz ein kleines Café voll. Es gab Kaffee, Kakao und Kuchen, und keiner wollte wieder los. Aber wir mussten ja. Und es schüttete. In Lindow verhieß uns ein Restaurant Rettung. Der Wirt schickte den vor Nässe triefenden Haufen gleich in seinen Wintergarten. Unter den Tischen bildeten sich Lachen. Auf den Tischen standen schnell heiße Getränke und einige Leckereien.

Als wir in Badow vor dem Herrenhaus standen, hörte der Regen ganz auf. In Stöllnitz folgten wir der Radwegweisung nach Bentin, zunächst auf Asphalt, dann über gewölbtes Kopfsteinpflaster und anschließend auf einer Betondoppelspur. Der Karte zur Folge eine prima Abkürzung nach Neuenkirchen. Völlig verdutzt standen wir plötzlich vor einem Wall am Ende des Weges. Der Weg hatte sich im Acker aufgelöst, war einfach weggepflügt worden. Über einen Umweg kamen wir dennoch recht früh am Gasthaus am See nach 54 Kilometer an.

Bild 16 Gasthaus zum See NeuenkirchenDie resolute Wirtin Frau Schröder quartierte jeden von uns persönlich in sein Zimmer ein und bestellte uns auf charmant-direkte Art zum Abendessen um halb Sechs. Manche machten noch einen Gang zum Neuenkirchener See, andere streckten lieber die Glieder auf den Betten aus. Frau Schröder und ihr Sohn betreiben das Gasthaus seit 27 Jahren, fingen also gleich nach der Wende an, hier etwas aufzubauen. Eine liebevolle Ausstattung des Hauses, gemütliche Zimmer, eine ausgezeichnete regionale Küche und ein sehr persönliches Kümmern um die Gäste – mit diesem Pfund kann Frau Schröder wuchern. Der Vorabend des 3. Oktober gab nach dem Abendessen reichlich Gelegenheit zum Reden – hier an diesem Ort im ehemaligen Grenzsperrgebiet der DDR.

Bild 17 Schildersammlung aus dem Grenzgebiet SchaalseeBild 18 Grenzboje aus dem SchaaseeSonnige Abschnitte bei gelegentlichen Schauern – der letzte Tag.

So lautete die Prognose für den letzten Tag der Tour. Über Zarrentin und Gudow ging es in Güster auf dem Sandweg am Kanal bis Hornbek. Für die Regenjacken war es inzwischen zu warm. In Talkau schob sich die erste schwarze Wolke über uns, und wir flüchteten unter das Vordach eines leerstehenden Hauses. Die Wolke zog dank des starken Windes schnell vorüber. Auf der Straße von Schretstaken nach Mühlenrade stand noch das Wasser vom letzten Schauer, und die Autos besprühten uns. Das Ende unserer Radwanderung feierten wir in Hamfelde in der Waldeslust bei Kaffee und Kuchen. Die letzte Strecke über die Bahnradwege bei Trittau und nach Lütjensee fuhren wir im Trockenen – zeitweilig von den Laubbäumen beschirmt. So erreichten wir nach einer Tagestrecke von 69 Kilometern und einer Gesamtstrecke von 423 Kilometern wieder Großhansdorfer Boden.

Am Ende waren wir uns einig: Die Fahrt war sehr abwechslungsreich. Wir hatten untereinander gute Stimmung. Und es war Mecklenburg pur: weite Wiesen, herrliche Seen, hügeliges Auf und Ab, viel Ursprünglichkeit noch in den Orten und abenteuerliche Überraschungen durch die Vielfalt der Wege und Straßen.

Es macht Spaß, mit netten Leuten in der Gruppe kleine Abenteuer zu erleben, schöne Eindrücke von Land und Leuten zu teilen und gemeinsam zu genießen. Und es fahren nicht ›immer dieselben Leute‹ mit. Jede Großhansdorferin, jeder Großhansdorfer sollte sich eingeladen fühlen, bei unseren Tagestouren und unseren Mehrtagesfahrten einmal mitzukommen. Es geht dabei locker und ungezwungen zu.

Peter Tischer

 

 

 

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