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Wanderwoche

Bericht über die Wanderwoche auf dem Weserbergland-Weg, Teil 2

Wo begann die Wandergruppe des Heimatvereins mit ihrer Wanderung durch das Weserbergland? Dort, wo Werra sich und Fulda küssen, also in Hannoversch-Münden. Das war vor einem Jahr.

Dieses Mal fingen wir an, wo im vorigen Jahr die Wanderung beendet wurde, in Bodenwerder. 14 Mitglieder des Heimatvereins starteten am Sonnabend, 2. September, in vier Pkw und trafen sich am frühen Nachmittag in ›Bodos Insel im Fluss‹, um auch gleich die idyllische Kleinstadt zu erkunden. Wir sahen schöne, alte Fachwerkhäuser mit Kirche und umgebendem Grün, kamen auch zu Turm und Mühlentor, vor denen 1948 ein Weserarm zugeschüttet worden war, wodurch die Insellage zerstört, aber eine entlastende Umgehung der Innenstadt geschaffen wurde. Hier waren auch noch Reste der einstigen Stadtbefestigung erkennbar. Auf dem weiteren Weg lasen wir zahlreiche Psalmen und Sprüche an den Häuser – auch einen solchen wie diesen: »Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten.«

Weser-P1220933-Blick auf BodenwerderIm Gegensatz zur Wanderung des vergangenen Jahres hatten wir dieses Mal nicht an jedem Abend eine neue Übernachtungsstätte, sondern blieben in Bodenwerder dreimal, in Hameln und Rinteln je zweimal und dazwischen einmal in Rohdental. Damit verringerte sich das sonst so häufige Packen der Köfferchen doch erheblich, und das Warmwerden mit den drei sehenswerten Weserstädtchen war gesichert.

Wenn Bodenwerder seit dem 13. Jhdt. mit einer Brücke über die Weser nachgewiesen ist, so wird von dem benachbarten Ortsteil Kemnade mit seinem ehemals bedeutenden Kloster ›Carminata‹ und einer Furt bereits 300 Jahre früher berichtet. Die große Pilgerkirche ist trotz ihrer baulichen Verkürzung um ca. 20 Meter als Folge von Verwüstungen im dreißigjährigen Krieg ein schöner romanischer Bau mit einer beachtenswerten Ausstattung, u. a. auch mit dem Grab des legendären Lügenbarons von Münchhausen.

Es gelang uns sogar, die Öffnungszeit des Münchhausen-Museums zu verlängern und dort eine Führung zu erhalten. Zu unserer Überraschung erfuhren wir, dass es auch in Sankt Petersburg ein Münchhausen-Museum gibt. Der Freiherr war 20 Jahre in russischen Diensten. Er lebte erst dort und dann in Bodenwerder, insgesamt 47 Jahre mit seiner baltischen Frau. Mit 74 Jahren leistete er sich noch ein kurzfristiges Fiasko mit einer zweiten Frau, einer 20-Jährigen. Das brachte seine Familie fast an den Bettelstab. Andere zeitgenössische Schreiber machten danach mit eigener Fabulierkunst seine Erzählungen zu den weltberühmten Lügengeschichten – in fast 50 Sprachen.

Weser-P1220767-MorgenstimmungDer Sonntag, unser erster Wandertag, führte uns östlich der Weser steil und rutschig empor zum Bismarck-Turm, der sich und die Umgebung aber zurückhaltend mit Hochnebel umgab. (Aber Google/You Tube ermöglicht am Schreibtisch den lohnenden, aber versäumten Blick, den sich dann einige ›Vergnügungssüchtige‹ noch am nächsten Spätnachmittag gönnten.) Wir marschierten weiter durch lockere Baumbestände und waren am späten Vormittag in nun sehr warmer Sonne auf dem Weser-Radweg direkt am Fluss in Richtung Hehlen unterwegs. Dabei überholten uns Pulks von muskel- bzw. elektrogetriebenen Radlern. Wir spürten aber keinen Impuls, von ›des Schusters Rappen‹ Abschied zu nehmen: Radfahrer machen Kilometer und Pausen, Wanderer schauen und sprechen miteinander.

Weser-P1220783-Kurz vor HehlenWir wechselten wieder an das Westufer und sahen bereits die weißleuchtende Barockkirche von Hehlen, bestimmt von einem flachen Dach und zwei charakteristischen Türmen mit welschen Hauben in Grau. Es ist eine der frühesten protestantischen Zentralraumkirchen in Deutschland, also mit achteckigem Grundriss. In ihr war es kühl und still, und wir genossen das. Nachmittags ging es weiter bis oberhalb von Lüntorf, von wo uns die Taxen nach Bodenwerder zurückbrachten und am kommenden Morgen auch wieder starten ließen.

Weser-P1220900-HämelschenburgDer 04.09. führte uns – die einen kurzärmelig gewandet, die anderen in Wanderjacken – ohne besondere Steigungen über Feld und Wald in Richtung Hameln zur Hämelschenburg, dem Vorzeigeobjekt der Weserrenaissance. Es war Montag und daher dort menschenleer. Ein schöner Besucherinnenhof mit sonnengeschützten Tischen und Bänken (und verschlossenen Toiletten) lud ein, zu rasten und das Mittagsbrot auszupacken. Dann wanderten wir weiter bis Emmerthal, wo uns wieder die Taxen abholten.

Am Dienstag stiegen wir am Rande des Bückeberges bergan, wo mit bis zu einer Million Besuchern 1933 bis 1937 die NS- Reichserntedankfeste abgehalten wurden. Wir gingen häufig durch viel Nässe im Gras, die von den Schuhen gierig aufgenommen wurde und umrundeten schließlich weitläufig den Ort Völkerhausen.

Weser-P1220982-HamelnWeser-P1220974-Hameln-RattenfängerbrunnenWeser-P1220980-HamelnAn diesem und dem kommenden Abend übernachteten wir in der sehr lebendigen Stadt Hameln, die wir an beiden Tagen mit ihren schönen, gepflegten Häuserzeilen und dem sympathischen Nachmittagstrubel ausgiebig erkundeten. Auch die Rattenfängersage mit dem präzisen Datum des Jahres 1284 beschäftigte uns. Die Historiker haben auf die damalige Ostkolonisation verwiesen, in der durch dortige Landesfürsten Werber, d. h. ›Rattenfänger‹ ausgesandt wurden, um ausgebildete, sich Zunft- und Steuerfreiheit wünschende junge Auswanderer in ihre dünn besiedelten Länder zu holen. Die Ortsnamenforschung verweist als Auswanderungsziele dieser Kinder Hamelns auf Orts- und Personennamen der Hamelner Region im Land Brandenburg.

Weser-P1230023-SüntelturmUns lockte am kommenden Tag eigentlich der Süntelturm. Aber auch er verhüllte sich bei regnerischem Wetter in kühlem Nebeldunst, so dass wir lieber die heimelige Wirtsstube aufsuchten und in der Mehrzahl zum zweiten Frühstück heißen Kakao und landestypisches Schmalzbrot verzehrten.

Auf dem Kamm des Süntels ging es bei langsamem Aufklaren und gelegentlichem Sonnenschein weiter bis zu den Hohenstein-Klippen, die einen weiten Blick in den dortigen Abschnitt des Weserberglandes erlaubten. Zeichen früherer Kultstätten der Germanen fanden wir jedoch nicht. Das war wohl schon zu lange her.

Doch danach erwartete uns Norddeutsche eine große Überraschung. Wir erreichten die Schillat-Höhle, einer Tropfsteinhöhle hier im Norden, nur drei Autostunden von Hamburg entfernt! Sie wurde erst 1992 entdeckt und wird heute noch von einer Hobby-Gruppe weiter erschlossen. Die 2004 für Besucher geöffnete Schauhöhle ist 180 m lang und verläuft nahezu ebenerdig. Die Hälfte der ehemals 400 m langen Höhle fiel dem bisherigen, jahrhundertelangen Gesteinsabbau zum Opfer, ohne dass man überraschenderweise je von ihrer Existenz Kenntnis nahm. Es handelt sich nämlich um eine im Kalkstein eingebettete Flusshöhle aus der Frühzeit der Erdgeschichte, in der sich das Wasser im Berg sammelte und mit nur leichtem Gefälle hinausfloß. Aus dieser und der späteren Zeit stammen auch einige Stalagmiten und Stalaktiten.

Weser-P1230066-Schillat-HöhleWir aßen erst einmal im Besucherzentrum köstlichen ›Landfrauenkuchen‹ und fuhren dann in einem gläsernen Fahrstuhl ca. 50 m in die Tiefe. Dort ging man in einem ca. 1 m tiefen Gang, der zu beiden Seiten das damals aufgefundene Niveau mit der nur noch niedrigen Decke zeigte. So wurde sehr realistisch sichtbar, dass sich das alte Flussbett im Laufe der Zeit zum größeren Teil mit Sand und Steinen angereichert hatte und nur der obere Raum niemals verfüllt war, so dass dort dann die jetzt sichtbaren Tropfsteine wachsen konnten. Der Ausgang der Höhle am Ende des Ganges war dann zur allgemeinen Überraschung ein Standort in dem noch im Betrieb befindlichen sehr großen Steinbruch.

Am Donnerstag, 07.09., besuchten wir den ›einzigen natürlichen Wasserfall in Niedersachsen‹ bei Langenfeld. Wir sahen trotz der vorangegangenen Regenzeit nur ein mageres Bächlein, das sich 15 m tief in eine Schlucht ergoss. In früheren Zeiten soll der Müller der oberhalb liegenden Höllenmühle gegen einen Obolus den Mühlteich abgelassen haben, sodass dann ein Wasserfall ordentlich ins Tal donnerte. Ein nur noch kurzer Weg führte zum Hotel im Rohdental. Trotz des verabredeten gemeinsamen Abendessens leisteten sich einige hier ein richtiges Mittagessen. Hinterher konnte noch ein kleiner matschiger Ausflug unternommen werden.

Weser-P1230198-SchaumburgDer Freitag brachte uns trocken und auf bequemem Weg zur Schaumburg. Dieser Name ist den Schleswig-Holsteinern und Hamburgern vertraut. Nicht nur, dass diesem Geschlecht vor ca. 1000 Jahren die Herrschaft über Hamburg und Holstein zum Kampf gegen die Slawen übertragen wurde, nein, auch das angebliche Wappenzeichen der Schauenburger, das ›Nesselblatt‹, begegnet uns hierzulande, wobei zu bemerken ist, dass am Burgturm vor Ort eine Wappentafel einen Kreuzfahrerschild mit Kerben der abgewehrten Schwerthiebe an den Kanten zeigt, irgendwie doch ausdrucksvoller als Markenzeichen für ein so altes Geschlecht, als die umstrittene, alberne Brennnessel.

Heute finden wir hier eine gut erhaltene, ›echte‹ Burg vor, von der vielleicht nur die Vorburg und Teile der Türme mit einigen kleineren Gebäuden und dem alten Gefängnis ursprünglich sind. Aus ihm entkamen 1803 mehrere Mitglieder der berüchtigten ›Niederländer Bande‹, darunter Philipp Abraham, genannt ›Hampelholmich‹. Er wurde später erneut gefasst und 1807 in Marburg gehenkt. Die ›typische Höhenburg‹ wurde 1907 von Kaiser Wilhelm II erworben und nach Restaurierung seinem Schwager Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe und dessen Frau Viktoria von Preußen zur Silberhochzeit geschenkt. Beide lebten aber lieber in Bonn. Ihre Villa wurde 1949 erster Dienstsitz Adenauers und ist heute noch für illustre Staatsbesuche das Palais Schaumburg.

Die weitere Wanderung führte uns über offenes Gelände und schöne Buchenwälder auf dem Kamm der Weserberge bis zum Rintelner Klippenturm. Auch bei ihm bevorzugten wir die Gaststube statt einer Besteigung im Regendunst. Zwei Nächte waren wir dann in Rinteln, wieder einer idyllischen Kleinstadt mit schmucken farbigen Fachwerkhäusern und ehrwürdigen Vertretern der Weserrenaissance. An diesem Wochenende wurde gerade der jährliche Bauernmarkt abgehalten mit Früchten und Tieren, Werkzeugen, Maschinen und Traktoren.

Weser-P1230358-RintelnWeser-P1230406-RintelnWeser-P1230385-RintelnFür den Sonnabend hatten wir uns eine echte Herausforderung gewählt: In einer Direttissima erarbeiteten wir uns den Aufstieg auf das am Vortag verlassene Niveau unseres Weserbergland-Weges. Der Pfad war teils grasbewachsen und zudem durch den just genau dann herabfallenden Regen glitschig und hinterließ Spuren. Die mit Stöcken Ausgerüsteten waren bei der Glätte glatt im Vorteil. Stöcke sind eine Last und eine Lust, je nachdem, ob geradeaus, bergauf, bergab, mit oder ohne Regenschirm. Sie haben sich bewährt, da sie insbesondere bei nassen Aufstiegen eine gute Balance- und Schubhilfe sind und bei gleichen Verhältnissen bergab das Herunterrutschen und die Erdanziehung zu mindern versprechen. Lästig empfunden werden zwei Stöcke, wenn sich obendrein der Gebrauch eines Schirmes empfiehlt. Dann sollte man für eine Klemmverbindung sorgen, sodass beide Stöcke wie ein Stock verwendet werden können, oder man kann einen Stock mit dem Schirmstiel verbinden. Als angenehm stellt sich heraus, wenn ein anderer die Stöcke benutzt, solange man sie nicht selbst benötigt. Doch das ist, wie alles Schöne, seltener.

Weser-P1230339-Porta-Kaiser-Wilhelm-DenkmalDann ging es aber bei sich immer mehr aufhellender Wetterlage auf schönen, offenen Wanderwegen u. a. auch an einem Schaubergwerk vorbei, dessen Außenanlagen wir durchquerten. Die traditionelle ›Apfelpause‹ machten wir auf sonniger Bank mit weitem Blick über einen riesigen Steinbruch. Und bald danach hatten wir das Land Lippe-Detmold durchwandert, das übrigens nicht schon – wie alle anderen – 1918, sondern als einziges deutsches Fürstentum erst 1946 diesen besonderen Status verlor. Auch wurde uns noch eine zusätzliche Orientierungshilfe kurz vor dem Abstieg zur Porta Westfalica zuteil: Ein gut sichtbarer Hinweispfahl mit der Beschriftung: »Wanderer, Du überschreitest hier den 9. Längengrad.« Das brachte uns wieder auf Weltmaßstab zurück. Dann, im Tal an der Weser, die sich hier nun nach Norden wendet, endete unser Weitwanderweg. Aber von der gegenüberliegenden Seite am Berghang lockte noch einige ›Unermüdliche‹ das Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Danach brachten uns die drei Taxen wieder nach Rinteln, der früheren hessischen Grenzstadt, deren ehemals wehrhafte Reste wir uns u.a. noch am Sonntagmorgen auf einem größeren Rundgang ansahen. Um 11 Uhr fuhren wir mit den Taxen zu unseren in Bodenwerder abgestellten Autos und erreichten alle gegen 16 Uhr wohlbehalten Großhansdorf.

Es war eine erlebnisreiche, zwar häufiger feuchte, aber trotzdem schöne und auch geschichtlich interessante Wanderwoche in stets positiver und kameradschaftlicher Stimmung. Sie wird allen in guter Erinnerung bleiben!

Werner Ahrens

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