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Radwanderwoche

Radwanderwoche vom 14. bis 22. September 2022

Durch Thüringen bei Wind und Wetter

Es ist kalt. Du stehst bei strömendem Regen einigermaßen trocken unter einer Brücke, zerrst deine Regenhose über deine Beine, und ein kleiner Teufel fragt dich: Warum tust du dir das eigentlich an? Eben noch der eisige Wind von vorn, und als der einschläft, gibt es stattdessen eine kalte Dusche. Drei Tage zuvor posieren wir zwölf Radler fürs Gruppenbild vor dem Magdeburger Hauptbahnhof. (Bild 1) Die Anreise von Ahrensburg mit DB und Metronom hatte prima geklappt. Es ist der 14. September, die Fahrradreise soll neun Tage dauern, wobei wir die Elbe, die Saale und die Unstrut flussaufwärts begleiten werden.

Saale-01 Saale Gruppe vor dem Magdeburger BahnhofUm zum Elbe-Radweg zu gelangen, müssen wir zunächst drei Elb-Arme überqueren. Dumm nur, dass die Zollbrücke durch Bauarbeiten gesperrt ist. Das beschert uns einen langen Umweg über den Werder. Wir sind etwas knapp mit der Zeit. Auf dem Elbe-Radweg Richtung Randau geht uns das ›Schlusslicht‹, unser Fotograf, an einer Wegekreuzung verloren. Sein Handy ist verstummt, aber ein Suchtrupp findet ihn wieder. Wir passieren die Eisentore des Umflutkanals (Bild 2), eine Anlage zum Schutz Magdeburgs vor Hochwasser.) Es fängt an zu dämmern, als wir auf dem klappernden Bohlenweg der großen Eisenbahnbrücke die Elbe (Bild 3) überqueren und das Elbstädtchen Barby erreichen. Die anheimelnde Beleuchtung des Gasthauses ›Zum Rautenkranz‹ weist uns auf den letzten Metern den Weg. Von dem geselligen Abend in der urigen Gaststube und der herzlichen Bewirtung wird in unserer Gruppe an den nächsten Tagen immer wieder geschwärmt.

Saale-02 Tore des Umflutkanal bei MagdeburgSaale-03  Elbe Auf klappernden Bohlen über die Bahnbrücke von BarbyAn den nächsten Tagen geht es, mal links, mal rechts des Flusses, die Saale aufwärts bis Naumburg. Es gehört sich natürlich, zunächst die Mündung der Saale in die Elbe zu besuchen. (Bild 4)

Saale-04  Saale MündungAuf dem Weg nach Bernburg bläst uns ein starker Wind entgegen, der viel Kraft kostet. Immerhin kann die Sonne uns etwas erwärmen. Saalebrücken sind rar. Dort, wo sie fehlen, setzen wir mit kleinen Fähren (Bild 5) über.

Saale-05 Saale Fähre bei CalbeDie Oberstadt von Bernburg wird dominiert von ihrem großen Renaissance-Schloss. Wir haben Zeit, uns Oberstadt und Schloss anzuschauen. (Bilder 6, 7, 8).

Saale-06 Berneburg StadtbesichtigungSaale-07 Blumenuhr in BernburgSaale-08 Schloss BernburgHinter Bernburg verlassen wir kurz den Uferradweg und fahren durch die Flusstal-Auen der Saale zum Renaissance-Schloss Plötzkau. (Bilder 11, 12, 13).

Saale-11 Schloss PlötzkauSaale-12 Schloss PlötzkauSaale-13 Saale Radweg hinter  PlötzkauIm Windschatten des Erlenwalds macht das Radeln richtig Spaß. So erreichen wir das düster wirkende Schloss. Die ganze Anlage träumt von vergangener Pracht. Vielleicht schläft hier Dornröschen noch 100 Jahre, bis ein Investor diese imposante Anlage rettet. Hinter Wettin gibt es kräftige Steigungen. Es ist anstrengend, aber auf der Höhe öffnet sich ein herrlicher Blick auf das Saaletal. Aus der Ferne grüßt das Schloss Wettin. (Bild 14)

Saale-14  Saale Radweg Blick auf WettinIn Halle (Bild 15) haben wir nach unserer Übernachtung Zeit für eine Stadtführung, die uns viele interessante Einzelheiten aus der reichen Geschichte der Salzsieder-Stadt nahebringt. Als wir abends in einer traumhaft-schönen Gaststätte (Bild 16) gemeinsam essen, rechnen wir in fröhlicher Stimmung den Altersdurchschnitt unserer Gruppe aus und kommen auf 71,75 Jahre. Wir sind stolz auf unser Leistungsvermögen. Mir wird aber langsam klar, dass in Zukunft eine solche Radwanderung kaum noch möglich sein wird, denn die Mitfahrer (und ich auch) werden nicht jünger. Gewiss wird unsere Gruppenfahrt als letzte rein muskelgetriebene in die Geschichte des Heimatvereins eingehen.

Saale-15  Halle MarktplatzSaale-16 Halle Beim Griechen am AbendAuf dem Weg nach Weißenfels machen wir einen Abstecher nach Merseburg. (Bild 17) Die Zeit reicht für einen Gang um Schloss und Dom, aber nicht für Besichtigungen. In Weißenfels bietet unsere Unterkunft weder Abendessen noch Frühstück an, was von vornherein klar war. Beim ›Griechen‹ ist am Abend ein Tisch reserviert. Niemand muss verhungern. Ouzo zur Begrüßung, Ouzo zum Abschied. Das Frühstück gibt es bei Bäcker Mundt, der sich an diesem kalten Sonntagmorgen von 12 hungrigen Radlern etwas überfordert fühlt und uns eilig Stühle und Tische vor seinen Laden stellt. Bäcker Emil Mundt versorgt uns mit leckeren belegten Körnerbrötchen und heißem Kaffee. (Bild 18) Nebenbei erzählt er von der langen Familientradition seines Geschäfts. Einer seiner Vorfahren half 1813 Blücher, die Saale mittels einer Floßbrücke bei Weißenfels zu überqueren, als der Generalfeldmarschall die flüchtenden französischen Truppen verfolgte. Die Franzosen hatten die hölzerne Saalebrücke abgefackelt.

Saale-17 Schloss in MerseburgSaale-18 Saale Weißenfels Bäckerei MundtNaumburg wird erreicht. Hier hatten wir eine ›Kostümführung‹ im Naumburger Dom (Bild 19) gebucht, die für uns zu einem denkwürdigen Erlebnis wird.

Saale-19 Naumburger DomDer Dom ist seit 2018 Weltkulturerbe. Unser verkleideter Führer ist von Haus aus zwar ›nur‹ Geograph, nimmt uns aber hinein in seinen reichen historischen Wissensschatz. (Bild 20) In der Tracht eines Dombaumeisters führt er uns über eine Stunde lang durch die faszinierende Baugeschichte des Domes und erzählt uns von den politischen Spannungen zwischen dem Bauherrn Bischof Dietrich von Meißen und den Traditionalisten der Kirche in Rom. Der Baumeister, der hier mit dem Westchor ein unvergleichliches mittelalterliches Baukunstwerk schuf, ist namentlich nicht bekannt. Es gilt durch Vergleiche aber als sicher, dass dieser Künstler sein Handwerk an den Kathedralen in Frankreich gelernt hat. Viele Besucher möchten vor allem die berühmten Stifterfiguren im Dom sehen. Unser Führer lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ihre Besonderheiten.

Saale-20  Naumburger Dom interessante FührungSaale-21  Die Stifterfiguren Markgrafenpaar Ekkehard und UtaSaale-22 Hermann und ReglindisDas Markgrafenpaar Ekkehard und Uta (Bild 21) wirken wie zwei einzelne Figuren, sind aber aus einem Block gemeißelt. Die Markgräfin Reglindis neben ihrem Ehemann Herrmann (Bild 22) lächelt frohen Sinnes auf die Chorherren hinab. Das war eine Ungeheuerlichkeit nach damaligem katholischem Verständnis. Eine weitere Provokation für die traditionelle Kirche: Die Stifterfiguren stehen auf einer Konsole unter einem kunstvollen Baldachin. Solche Orte sind üblicherweise den Heiligen bzw. Aposteln vorbehalten. So erfahren wir erstaunliche Einzelheiten über die so lebendig wirkenden Figuren. (Bild 23, die Chorschranke im Dom)

Saale-23 Chorschranke Naumburger DomNach der Besichtigung setzen wir mit der Blütengrundfähre (Bild 24) über die Saale zum Unstrut-Radweg mit dem Ziel Kloster Memleben. Von dieser Strecke erzählt die Einleitung zu diesem Bericht. Die Wetterlaunen stürzen uns sprichwörtlich in ein ständiges Wechselbad – regnet es, ist der Wind weg; weht er wieder ungestüm, scheint wenigstens mal die Sonne.

Saale-24 Übersetzen Blütengrundfähre UnstrutMemleben (Bild 25) ist ein kleiner Ort, bekannt durch seine Klosterruine und eine Kaiserpfalz, dem Sterbeort von Kaiser Otto dem Großen. Den Ort der Kaiserpfalz vermutet man am Ort der Burg Wendelstein.(Bild 26)

Saale-25 Unsere Gruppe erreicht MemlebenSaale-26 Burg Wendelstein die KaiserpfalzNach der Übernachtung in Memleben geraten wir auf völlig verschlammte Wirtschaftswege. Es hatte über Nacht geregnet, und große Lastwagen hatten wohl geschredderten Mais abgefahren und die Fahrbahn mit fettem Lehm eingesaut. Schnell setzen sich Bremsen und Schutzbleche zu  (Bild 26 a) und zwingen uns, die Räder mit dem Wasser aus Regenpfützen zu reinigen. Ich wundere mich über den Gleichmut, in dem das geschieht.

Saale-26 a Der Lehm stoppt jegliches Fortkommen.Die nächsten beiden Etappen führen uns nach Sömmerda und Mühlhausen. Es geht teilweise über Schutzdeiche der Unstrut, wo wir wieder Wind und Wetter ausgesetzt werden. (Bild 27)

Saale-27 Radeln auf dem UnstrutdeichEtwas finden wir unterwegs immer wieder: Pflaumen in Büschen und Bäumen am Wegesrand, Birnen und Äpfel in rauen Mengen, teils genießbar-lecker, teils noch zu sauer. Wer hier an der Unstrut lebt, braucht kein heimisches Obst zu kaufen. (Bild 28)

Saale-28  Unstrut Pflaumen gratis vom StraßenrandDie Sonne scheint nun ausgiebig. Wir erholen uns vom Wind und rasten an der Wasserburg Heldrungen. (Bild 29) Hier wurde Thomas Müntzer gefangengehalten und ›peinlich befragt‹, bevor er in Mühlhausen hingerichtet wurde.

Saale-29   Festung und Wasserburg HeldrungenWir durchfahren die Thüringer Pforte (Bild 30) und kommen nach Sömmerda (Bild 31). Dort entscheidet sich eines unserer Ehepaare, die letzten Etappen jeweils mit der Bahn zu fahren, was auch reibungslos funktioniert. So treffen wir uns in den vorgebuchten Quartieren immer wieder. In Mühlhausen übernachten wir im Traditionsgasthaus Ammerscher Bahnhof von 1794. Dieser Name scheint merkwürdig zu sein, denn Gleise können hier nicht gelegen haben. Die Erklärung: Hier machten die Händler Station, die nach erfolgreichen Abschlüssen aus der Stadt zurückkehrten, spannten die Pferde aus und ließen sich es gut schmecken.

Saale-30  Thüringer PforteSaale-31  Sömmerda ErfurterTorAm vorletzten Tag der Reise verlassen wir Mühlhausen durch das Frauentor (Bild 32) mit dem Ziel ›Unstrut-Quelle‹. (Bild 33) Der Weg zur Quelle hat wie im Leben etwas Anstrengendes, denn es geht naturgemäß bergan. Als wir in Keffershausen in 386 m Höhe die Quellfassung erreichen, sagt doch eine einzelne Dame, jetzt habe sie aber die Nase voll, sie fahre kein Stück weiter. Verständlich, denn die letzten Kilometer waren radwegtechnisch eine Zumutung. Und dann ist die Quelle auch noch trocken! (Bild 34)

Saale-32 Mühlhausen FrauentorSaale-33 Viadukt Reisersches TalSaale-34 Unstrut An der Quelle trockenNun legt sich erfahrungsgemäß jeder Unmut, wenn man etwas Nahrhaftes zu sich nimmt. So können wir nach längerer Pause die nächste Strecke in Angriff nehmen, den Kanonenbahnradweg von Dingelstädt nach Frieda an der Werra. Von der Unstrut-Quelle kommend, ist ein Zugang zu dem Radweg nicht erkennbar. Zwei Fußgänger geben uns einen guten Tipp. So erreichen wir die ehemalige 33 Kilometer lange Bahntrasse ohne große Anstrengungen. Die Strecke war nach 1871 aus rein militärischem Zwecke von Berlin über Koblenz nach Metz gebaut worden. Der Radweg folgt der Trasse neben einer Draisinenstrecke von Dingelstädt nach Geismar. Wir radeln in flottem Tempo bergab Richtung Frieda an der Werra über zwei Viadukte (Bild 35) und durch fünf Tunnel. Der Küllstedter Tunnel ist mit 1.530 Metern der längste Fahrradtunnel Deutschlands. (Bilder 36, 37) In der kalten Röhre sind unsere Fahrradlampen hilfreich, allerdings schaltet ein Bewegungsmelder im Tunnel die Beleuchtung ein – so haben wir die Asphaltbahn gut im Blick.

Saale-35 Kanonenbahnradweg Lengenfelder Viadukt Saale-36 KanonenbahnradwegSaale-37  Unstrut KanonenbahnradwegAls wir das Werratal erreichen, ist Eschwege, unser Ziel und Endpunkt der Reise, nur noch einen Katzensprung entfernt. (Bild 38)

Saale-38 Blick vom Nicolaiturm auf EschwegeNoch eine Übernachtung, und es geht am nächsten Tag in den Mittagsstunden (und wieder vollzählig) mit der Bahn zurück.

Peter Tischer

 

 

 

 

 

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